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Der Charlottenschrank. Geboren aus dem Pflegenotstand

  1. Dr. Heike Krause Diarchiv Schwäbisch Hall

Abstract

Weil helfende Hände zu allen Zeiten Mangelware waren und es auch heute noch sind, kam ein württembergischer Pfarrer Ende des 19. Jahrhunderts auf die Idee, die ländliche Bevölkerung wenigstens mit medizinischen Utensilien zu versorgen. Dafür wurde Gemeinden ein Schrank zur Verfügung gestellt, der unter der Bezeichnung „Charlottenschrank“ bekannt wurde.

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1. Der Charlottenschrank in Südwestdeutschland

Der Charlottenschrank ist ein halbhoher Schrank aus Nadelholz (170 cm hoch, 90 cm breit und 45 cm tief), ähnlich einer Anrichte, mit einer Tür und einer kleinen Schublade unterhalb der Ablage. Neben der Schublade befindet sich ein kleines Schild mit der Aufschrift „Charlotten-Pflege“. Zu finden war der Schrank in Dörfern des deutschen Südwestens.

Abb. 1: Charlottenschrank, Diakoneo, Diakarchiv Schwäbisch Hall

Gerade in ländlichen Gemeinden, auch im Königreich Württemberg des 19. Jahrhunderts im Südwesten Deutschlands, lebten Kranke und Pflegebedürftige zum Teil in katastrophalen Verhältnissen. Die Angehörigen hatten für die Betreuung meist keine Zeit, da in der Landwirtschaft jede Hand gebraucht wurde. Alleinstehende Pflegebedürftige waren von der Mildtätigkeit der Gemeinde oder ihrer Nachbarn abhängig. Somit kam es gar nicht selten vor, dass Pflegebedürftige oder Bettlägerige sich selbst überlassen blieben, nicht gewaschen, verbunden, gebettet oder mit Nahrung versorgt wurden und die hygienischen Verhältnisse äußerst mangelhaft waren. [1]

Krankenwärterinnen gab es in der Regel nur in der Stadt, und sie waren in der Regel auch nicht in der Krankenpflege ausgebildet worden. Vor allem kirchliche Institutionen oder Wohltätigkeitsvereine wollten hier seit Mitte des 19. Jahrhunderts helfend eingreifen. [2] Doch herrschte in dieser Zeit Pflegekräftemangel. Zudem waren manche Gemeinden mit der Anstellung einer Gemeindeschwester finanziell überfordert. Um eine gewisse Hilfe zu schaffen, gründete der Pfarrer Karl Joseph Johannes Gastpar (1865–1933) [3] die „Charlottenpflege“, die um 1898 ihren Anfang nahm. Für seine „Verdienste auf dem Gebiet der gemeindlichen Krankenpflege“ wurde Gastpar 1900 vom württembergischen König Wilhelm II. mit der silbernen Karl-Olga-Medaille ausgezeichnet. [4]

Zu Ehren der württembergischen Königin Charlotte (1864–1946, Königin seit 1891), die das Protektorat für Gastpars Initiative übernommen hatte, bezeichnete Gastpar als „Charlottenpflege“ seinen von ihm konzipierten „Krankenpflegekasten zur Hebung der Krankenpflege auf dem Lande“. [5] Es handelte sich dabei um einen halbhohen Schrank – im Volksmund „Charlottenschrank“ –, der mit verschiedenen Utensilien zur Krankenpflege, z. B. Krücken, Fieberthermometer, Verbandsmaterial, Schnabeltassen oder Spucknapf, ausgestattet war. Zur „Charlottenpflege“ konnten aber auch „Zimmerklosettstühle“ oder Sitzbadewannen gehören. Sogenannte „Heilmittel“ (Arzneimittel) sucht man in den Schränken allerdings vergebens. [6] Für die Einrichtung und Ausstattung gab es von der württembergischen „Amtsversammlung“ oder auch von der Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins einen finanziellen Zuschuss. [7] Meist wurden aber durch die Kirchen- und auch bürgerlichen Gemeinden Sammlungen vor Ort durchgeführt, um die nötigen Geldmittel aufzubringen. [8]

Die Schränke wurden in der Regel in Pfarrhäusern aufgestellt, manchmal auch im Haus „des Ortsvorstehers“ und „des Lehrers“. [9] Falls in der ländlichen Gemeinde ein Arzt ansässig war – was im 19. Jahrhundert und auch noch bis in die 1950er Jahre aber eher die Ausnahme darstellte –, war dort der Schrank am besten aufgehoben, übernahm dieser zugleich die medizinische Betreuung des Schranks. [10] Ansonsten sollten „eine gelernte Krankenpflegerin, Diakonissen oder barmherzige Schwestern, oder ein früherer Krankenpfleger (Lazarettgehilfe) […] nach einiger Unterweisung seitens des Arztes durchaus zur sachgemäßen Verwaltung und Anwendung der Mittel am Krankenbett befähigt sein“. [11] Die Utensilien selbst wurden über das „Zentralmagazin für Gesundheits- und Krankenpflege ‚zum roten Kreuz‘ von Dr. Lindenmeyer in Stuttgart Königlicher Hoflieferant“ bezogen, Verbandsmaterial auch über Apotheken vor Ort. [12] Kam es vor, dass die „Pflegemittel“ bei ansteckenden Kranken, zum Beispiel bei Diphterie, Masern, Scharlach oder Tuberkulose, eingesetzt waren, mussten diese in den „in jeder Charlottenpflege vorhandenen Formalin-Desinfektionskasten“ verpackt nach Stuttgart in das „Königliche Hofwaschgebäude“ geschickt werden oder durch Ärzte in den Gemeinden selbst desinfiziert werden. [13]

Die Gemeinde hatte für den Schrank und seinen Inhalt eine Monatsmiete zu bezahlen. Die Benutzung der Gegenstände durch Pflegebedürftige dagegen war für diese kostenlos. [14] In eine kleine Schublade im Schrank konnten jedoch Geldspenden eingeworfen werden.

Abb. 2: Spendenschublade in der Charlottepflege, Diakoneo, Diakarchiv Schwäbisch Hall

Über die Nutzung des Schrankes der „Charlottenpflege“ erfährt man durch das Tagebuch, das jeder Betreuer des Schrankes führen musste. Im Vorspann ist sein „Inhalt“ aufgelistet, danach die ‚Nutzung‘: nämlich der Name des Entleihers, seine Erkrankung oder der medizinische Grund, ausgeliehener Gegenstand, Tag der Abgabe und Tag der Rückgabe sowie der Hinweis, ob der Patient „genesen“ oder „+“ (=verstorben) ist. Damit liefert das Tagebuch wichtige und interessante Einblicke über einen gewissen Zeitraum in die Krankheitsfälle innerhalb einer Landgemeinde und deren Ausgang. [15]

Abb. 3: Tagebuch für die Charlottenpflege Neuenstein, welches von 1898 bis 1965 geführt wurde, Diakoneo, Diakarchiv Schwäbisch Hall

Die „Charlottenschränke“ fanden in Württemberg eine große und flächendeckende Verbreitung. [16] Auch Gemeinden, in denen eine Gemeindeschwester bereits beschäftigt war, schafften sich in der Regel einen „Krankenpflegekasten“ der „Charlottenpflege“ an. Zum Beispiel arbeitete seit Februar 1890 eine Diakonisse der damaligen Diakonissenanstalt Schwäbisch Hall in Neuenstein als Gemeindeschwester, [17] die dann ab November 1898 den neu aufgestellten „Charlottenschrank“ betreute und die medizinischen Gerätschaften an die Patienten ausgab. [18] Die „Charlottenpflege“ hatte hier bis 1965 Bestand. Die meisten Charlottenpflegen wurden jedoch in den späten 1940er und 1950er Jahre aufgegeben. Eine verbesserte medizinische Versorgung auf dem Land durch Ärzte, aber auch eine zunehmende Mobilität der Bevölkerung machten die „Charlottenpflege“ in ihrer ursprünglichen Form überflüssig.

2. Bibliographie

3. Ungedruckte Quellen

Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis

Gemeindearchiv Mainhardt: Bestand Mainhardt A 699

Landeskirchliches Archiv Stuttgart: A 127 Nr. 744, A 127 Nr. 1209/21

Staatsarchiv Ludwigsburg: E 162 I Bü 1478, E 191 Bü 3272, F 209 I Bü 621, Findbuch E 191

Hauptstaatsarchiv Stuttgart: J 150/156 Nr. 35, J 150/358a Nr. 60

Diakarchiv Schwäbisch Hall: 267/17

4. Gedruckte Quellen

Hopf, Ludwig: Gesundheit und Krankheit. Gemeinverständliche Abhandlungen über Gesundheitspflege, allgemeine Krankheitslehre und Krankenpflege. Mit besonderer Berücksichtigung der ländlichen Bevölkerung. Stuttgart 1881.

Merz, H.: Gründung und Wirkung des Armen-Vereins in Hall. In: Blätter für das Armenwesen 3 (1850), S. 221–255.

Sick, Paul/Konrad Sick: Die Krankenpflege in ihrer Begründung auf der Gesundheitslehre mit besonderer Berücksichtigung der weiblichen Diakonie. Stuttgart 1922.

5. Sekundärliteratur

Krause, Heike: „Einem Menschen Nächster sein“. Die Geschichte des Evangelischen Diakoniewerks Schwäbisch Hall. Schwäbisch Hall 2005.

Maisch, Andreas/Heike Krause (Hg.): Auf Leben und Tod. Menschen und Medizin in Schwäbisch Hall vom Mittelalter bis 1950. Schwäbisch Hall 2011.

Schumm, Adelheid: Entwicklung des Medizinalwesens in der Grafschaft Hohenlohe. Mit einem Überblick über medizingeschichtlich wichtige Bestände des Hohenlohe-Zentralarchivs in Neuenstein. Tübingen 1964.



[1] Vortrag Pfarrer Hermann Faulhaber am 13. Juni 1881 auf der Pfarrversammlung in Crailsheim, Diakarchiv Schwäbisch Hall, 13/2, vgl. dazu auch Merz 1850; Hopf 1881; Schumm 1964; Sick/Sick 1922; Maisch/Krause 2011; Berichte der Gemeindeschwester Diakonisse Lisbeth Weidner aus der Gemeindearbeit 1887, Diakarchiv Schwäbisch Hall, 25/1; Krause 2005, S. 14.

[2] Krause 2005; Maisch/Krause 2011.

[3] Personalakte von Karl Joseph Johannes Gastpar; Christian Sigel: Das Evangelische Württemberg – Seine Kirchenstellen und Geistlichen von der Reformation bis auf die Gegenwart. 1910 (mit handschriftlichen Ergänzungen bis 1959), Nr. 1209/21, Landeskirchliches Archiv Stuttgart, A 127, Nr. 744.

[4] Personalakte von Karl Joseph Johannes Gastpar; Christian Sigel: Das Evangelische Württemberg – Seine Kirchenstellen und Geistlichen von der Reformation bis auf die Gegenwart. 1910 (mit handschriftlichen Ergänzungen bis 1959), Nr. 1209/21, Landeskirchliches Archiv Stuttgart, A 127, Nr. 744.

[5] Prospekt der Charlottenpflege 1901, Gemeindearchiv Mainhardt, Bestand Mainhardt A 699; Einführung von Krankenpflegekästen in Landgemeinden/1898–1910, Staatsarchiv Ludwigsburg, E 162 I Bü 1478. Darin u. a.: „1 Aufruf an alle Freunde unseres Landvolks von Pfarrer Karl Gastpar in Unterriexingen, Schriftführer des Komitees zur Einführung von Krankenpflegekästen in Landgemeinden“, o. D. (um 1898). Einführung von Krankenpflegekästen (Charlottenpflegen) in Landgemeinden, Allgemeines (1898–1926), Staatsarchiv Ludwigsburg, E 191 Bü 3272. Darin: Rundschreiben des Komitees zur Einführung von Krankenpflegekästen (Charlottenpflegen) in Landgemeinden betr. Einführung, Verwaltung und Pflege der Charlottenpflegen, 1902; Einführung von Krankenpflegekästen (Charlottenpflege) in den Gemeinden des Oberamtsbezirks Vaihingen (1898–1910), Staatsarchiv Ludwigsburg, F 209 I Bü 621; Rundschreiben betreffend die Einführung der Krankenpflegekästen „Charlottenpflege“ in Landgemeinden 1902, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, J 150/156, Nr. 35 und J 150/358a, Nr. 60.

[6] Prospekt der Charlottenpflege, 3. Ausgabe, Juli 1902, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[7] Prospekt zur Charlottenpflege, Ausgabe Januar 1900, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[8] Spendenliste vom Mai 1900, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[9] Prospekt zur Charlottenpflege, Ausgabe Januar 1900, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[10] Schreiben vom 18. Mai, 8. Juni, 24. Juli und 19. August 1905, Gemeindearchiv Mainhardt, Bestand Mainhardt A 699.

[11] Prospekt zur Charlottenpflege, Ausgabe Januar 1900, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[12] Prospekt zur Charlottenpflege, Ausgabe Januar 1900, sowie Rechnungen, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[13] Prospekt zur Charlottenpflege, Ausgabe Januar 1900, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[14] Prospekt zur Charlottenpflege, Ausgabe Januar 1900, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[15] Tagebuch der „Charlottenpflege Neuenstein“ 1898 bis 1965, Diakarchiv Schwäbisch Hall 267/17; Tagebuch der „Charlottenpflege“ 1900 bis 1949, Evangelisches Kirchenarchiv Bubenorbis.

[16] Zentralleitung des Wohltätigkeitsvereins bzw. für Wohltätigkeit, Beihilfen für Krankenpflegestationen, Staatsarchiv Ludwigsburg, Findbuch E 191.

[17] 28. Jahresbericht der Diakonissen-Anstalt […] in Schwäbisch Hall 1913 auf 1914. Schwäbisch Hall 1914, S. 15, Diakarchiv Schwäbisch Hall.

[18] Tagebuch der „Charlottenpflege Neuenstein“ 1898 bis 1965, Diakarchiv Schwäbisch Hall, 267/17.

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